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Zusatzbeiträge in der GKV

Dienstag, 02. Februar 2010

Ein Gespräch mit Thorulf Müller, Geschäftsführer der KVProfi Office GmbH und Inhaber der KVProfi Consulting Thorulf Müller

Der "KV Profi"

Beratung PKV News: Einige Krankenkassen haben jetzt die Karten auf den Tisch gelegt und Zusatzbeiträge angekündigt. Warum ist dieser Schritt nötig?

Thorulf Müller: Das sind Fehlentwicklungen, weil man die Beiträge künstlich gesenkt hat und damit den Menschen suggerierte, dass Krankheit nichts kostet. Tut sie ja auch nicht, wenn man sie nicht behandelt!

BPKVN: Welche weiteren Fehlentwicklungen gibt es noch?

TM: Die Bevölkerung altert rasant, die geburtenstarken Jahrgänge hatten bereits Bergfest und “genießen” die Zipperlein. Zu hohe Stoffwechselwerte, Rückenschmerzen, Herz- und Kreislaufprobleme und Arthrose – da ist auch der erste Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht mehr weit. Probleme sind die hohe Zahl potentiell Betroffener, das Anspruchsdenken und die reale Chance diese Schicksalsschläge zu überleben.

BPKVN: Welcher Möglichkeiten gibt es, um die Beiträge nachhaltig auf einem für die Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen erschwinglichem Niveau zu halten?

TM: Die Leistungen der Kassen müssen radikal gekürzt werden. Weg mit Yoga und Nordic Walking, weg mit Bonus- und Wahltarifen, weg mit AU Bescheinigungen auf Kasse, weg mit kostenlosen Reiseimpfungen, weg mit den Bratpfannen zur Kundenwerbung und den Behandlungen von Bagatellen, weg mit der freien Arztwahl, weg mit dem Werbeetat und allem unnötigen Schnickschnack! Kasse ist Kasse und nicht “Gesundheitskasse” oder “Unternehmen Leben” – machen wir aus den Kassen wieder Sozialkassen für bedürftige Menschen!

Weg mit den Bratpfannen!BPKVN: Welche Leistungen könnten privatisiert werden und mit welchem Beitragsniveau bei einer “Kopfprämie” könnte man rechnen?

TM: Zahnersatz, Kieferorthopädie, Zahnbehandlung, unfallbedingte und berufsbedingte Behandlungskosten und Krankengeld kann man als erstes privatisieren. Damit sind wir auch diese leidigen Berufsgenossenschaften und die daran hängenden Verwaltungskosten los. Hartz IV Ämter zahlen zukünftig kostendeckende Beiträge, Arbeitsämter auch. Klar steigen da die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, aber wir müssen mit diesen ständigen Quersubventionierungen aufhören: man muss sehen, wieviel Geld wohin fließt, weil es dort auch abfließt! So ist die Kopfprämie, die mathematisch noch bei 198 € liegen würde, ganz schnell auf weit unter 150 € abgesenkt. Dann ist es auch möglich Beiträge zu subventionieren – für alle, die sie nicht selbst aufbringen können.

BPKVN: Ist denn die Kopfprämie nicht unsozial und unsolidarisch?

TM: Im Gegenteil, die derzeitige Beitragsbemessungsgrenze ist unsozial, weil die Gutverdiener relativ weniger zahlen. Die beitragsfreie Familienversicherung ist unsolidarisch, weil sich Kleinverdiener doch gar nicht erlauben können, dass Mutter zuhause bleibt. Und die direkte Steuersubvention ist beides, weil dadurch auch die Beiträge der Gutverdiener sinken.

Doppelte Zusatzbeiträge für GKV-Versicherte, Gesundheitsfonds vor dem Aus?

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Der Gesundheitsfonds war eines der größten Projekte von Schwarz-Rot. Was als große Reform geplant war, endete in einem umstrittenen Kompromiss, der zum Missbrauch durch Krankenkassen und Ärzte einlädt. Damit könnte nun Schluss sein: Unionsparteien und FDP haben sich laut Zeitungsberichten in den Koalitionsverhandlungen darauf geeinigt, den Fonds abzuwickeln. Über ein Alternativmodell wird noch gestritten.

In den Gesundheitsfonds fließen seit Jahresanfang die Beitragseinnahmen und Steuergelder und werden von dort an die Krankenkassen nach einem bestimmten Schlüssel verteilt. Die FDP hatte im Wahlkampf die Abschaffung der Geldsammelstelle gefordert, was Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ablehnte. Der Gesundheitsfonds bleibt, hatte die Kanzlerin noch im Wahlkampf beteuert.

Offenbar planen die CDU/CSU und FDP aber zumindest, den Einheitsbeitrag für die Krankenkassen abzuschaffen. Auch die Praxisgebühr haben sie im Visier. In den Koalitionsverhandlungen zeichnen sich erhebliche Änderungen im Gesundheitssystem ab. Dazu gehört ein Umbau des erst zu Begin des Jahres eingeführten Gesundheitsfonds mit seinem Einheitsbeitrag für die Krankenkassen sowie eine Abschaffung der Praxisgebühr. Auf ein Ende des Gesundheitsfonds zielt Schwarz-Gelb dabei angeblich aber nicht ab.

Entgegen einer aktuellen Meldung in der der “Neuen Westfälischen Zeitung” hat nach aktuellem Verhandlungsstand die geplante Kommission nicht den Auftrag, eine Abwicklung des umstrittenen Fonds auf den Weg zu bringen. Vielmehr solle eine Expertenkommission vorbehaltlos verschiedene Richtungen prüfen. Am Morgen hatte die Zeitung noch gemeldet, der Fonds stehe auch als Ganzes vor dem Aus und dass 2010 eine Regierungskommission eingerichtet wird, die die Abwicklung des Gesundheitsfonds auf den Weg bringt.

Das scheint so nicht richtig zu sein. Reuters zufolge sind sich Union und FDP weitgehend einig, dass der umstrittene Fonds kurz- bis mittelfristig erhalten bleibt. Lediglich auf lange Sicht bleibe die Zukunft des Finanzpools offen. Übereinstimmend damit berichtet die Nachrichtenagentur DPA, dass wohl eine Expertenkommission langfristige Perspektiven in der Gesundheitspolitik ausloten soll. Das Gremium solle vorbehaltlos verschiedene Richtungen prüfen. Nach aktuellem Verhandlungsstand habe es jedoch nicht den Auftrag, eine Abwicklung des Gesundheitsfonds auf den Weg zu bringen.

Bereits kurzfristig könnten zentrale Stellschrauben am Fonds verändert und Mitglieder einzelner Kassen höher belastet werden. Im Entwurf des Koalitionsvertrags spricht sich die CDU dafür aus, die Ein-Prozent-Deckelung der Zusatzbeiträge auf zwei Prozent anzuheben. Die CSU will den Zusatzbeitrag zusammen mit dem Arbeitnehmeranteil von 0,9 Prozent zu einem “einheitlicheren kassenindividuellen Zusatzbeitrag” verschmelzen. Die FDP fordert für die Kassen Autonomie bei der Festsetzung ihrer Beiträge, die unabhängig vom Einkommen erhoben werden sollen. Diese Pauschale solle mit einem “sozialen Ausgleich” kombiniert werden, “so dass sich jeder Bürger den Krankenversicherungsschutz leisten kann”. Zugleich soll der Arbeitgeberbeitrag auf dem jetzigen Stand festgeschrieben werden.

Die FDP plant, den Zusatzbeitrag auf mittlere Sicht in eine Prämie umzuwandeln. Damit wären die Gesundheitskosten von den Löhnen teilweise entkoppelt und eine uralte Forderung – auch der CDU – erfüllt. Für die CSU ist das unannehmbar, weil dann Höherverdienende prozentual weniger bezahlen müssten. Auf der anderen Seite soll der Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung, schreibt die “Süddeutsche Zeitung”, künftig eingefroren werden. Damit wäre der Einstieg in den Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung vollzogen.

Die große Koalitionsrunde vertagte erneut die Streitfragen, ob es den Einstieg in ein System mit pauschalen Beiträgen geben soll und wie die Defizite im kommenden Jahr im Einzelnen ausgeglichen werden sollen.

Die designierte Thüringer Regierungschefin Christine Lieberknecht (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, den Gesundheitsfonds beizubehalten. Dieser gewährleiste einen bundesweiten solidarischen Ausgleich sowohl zwischen den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) als auch zwischen den Beitragszahlern, sagte Lieberknecht am Donnerstag in Erfurt.

Allerdings fordert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB), Gesundheitsfonds und Honorarsystem grundlegend umzugestalten. „Ich halte sinnvolle Anpassungen sowohl am Gesundheitsfond als auch am Honorarsystem für unumgänglich“, erklärt KVB-Vorstandvorsitzender Axel Munte. Wenn die neue Bundesregierung in Deutschland eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung erhalten wolle, dann bräuchten die Krankenkassen und die KVen auf Landesebene wieder mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

Mehr individuellen Spielraum fordern auch die Betriebskrankenkassen (BKK): „Da die Steuerzuschüsse den Defiziten erfahrungsgemäß immer hinterherlaufen, brauchen die Kassen die Zusage der Politik, sich kassenindividuell diejenigen Mittel beschaffen zu können, die sie konkret für das nächste Haushaltsjahr benötigen“, heißt es dazu von der BKK. Habe eine Kasse genug Spielraum, seien auch wieder solide und nachhaltig kalkulierte Haushaltspläne machbar und es könne wieder einen echten Preiswettbewerb geben. „Dazu gehört, die staatlich festgelegte Begrenzung des Zusatzbeitrags nicht nur ein wenig zu modifizieren, sondern aufzuheben“, fordert die BKK.

Das sieht auch der Verband der Ersatzkassen (vdek) so. „Der pauschale Zusatzbeitrag muss weg. Der Zusatzbeitrag sollte wie der Restbeitrag nur prozentual im Rahmen des Quellenabzugsverfahrens über den Arbeitgeber erhoben werden“, betont vdek-Vorstandvorsitzender Thomas Ballast. Laut vdek führt der pauschale Zusatzbeitrag zu erheblichen Bürokratiekosten, weil Millionen von individuellen Beitragskonten errichtet werden müssten. Mit dem etablierten Quellenabzugsverfahren könnten dagegen überflüssige Verwaltungskosten von 400 Millionen Euro jährlich vermieden werden. „Wenn eine Regierung den Abbau von Bürokratie will, darf der Zusatzbeitrag in der von der alten Regierung gewählten Form nicht kommen“, ergänzt Ballast.

Quellen: dpa, Reuters, Financial Times Deutschland, Stern, Zeit Online, Neue Westfälische, rp-online, Ärzteblatt

Legale Korruption? Ärzte kassieren zunehmend für Pharma-Studien – Patienten oft ahnungslos

Freitag, 02. Oktober 2009

Immer mehr Vertragsärzte der gesetzlichen Krankenkassen werden von Medikamenten-Herstellern für umstrittene Studien mit oft ahnungslosen Patienten bezahlt. An den 329 Studien der Pharma-Industrie im Jahr 2008 haben die knapp 150.000 Kassenärzte in Deutschland insgesamt 85.000 Mal teilgenommen, fünf Prozent öfter als im Vorjahr.

Das kritisierte jetzt der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Carl-Heinz Müller und forderte mehr Transparenz. Er habe den dringenden Verdacht, dass viele dieser Studien zur Verkaufsförderung veranlasst würden. “Das ist nicht rechtens und besorgt uns sehr.”

Neben der KBV fordern auch die gesetzlichen Krankenkassen, Verbraucherschützer und Politiker strengere Regeln. “Wir fordern, dass alle Zulassungs- und Anwendungsstudien veröffentlicht werden müssen”, sagte der Sprecher des Kassen-Spitzenverbands, Florian Lanz.

“Zukünftig sollten solche Studien nur zugelassen werden, wenn sie klaren methodischen Anforderungen genügen”, sagte der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Stefan Etgeton. Die Einwilligung der Patienten müsse zur Voraussetzung gemacht werden.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach kritisierte die Studien als “legale Form der Korruption”. Nötig sei ein grundsätzliches Verbot mit Ausnahmen. Als Arbeitsleistung werde von den Ärzten “oft nur verlangt, ein Din-A-4-Formular auszufüllen und es aufs Fax zu legen”.

Auch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Deutschland begrüßte die Forderung der KBV. Vor kurzem sorgten bereits hunderte Ärzte für Schlagzeilen und Ermittlungen, weil sie für Medikamenten-Studien Sachgeschenke angenommen haben sollen.